Nna o Tsamae – Keep Running: Joachim Göske beim Diacore Gaborone Marathon in Botswana

Diacore Gaborone Marathon 2014
Diacore Gaborone Marathon 2014

Das Lächeln ist noch strahlender als seine blank gewienerten Schuhe, als der Hotelportier unser Gespräch zusammenfasst: „Verstehe ich das richtig? Sie laufen mehr als 21 km, ohne dafür Geld zu bekommen und bezahlen sogar dafür. Außerdem trainieren Sie dafür sogar noch ein paar Mal in der Woche? Sehr interessant!“ So viel also zur Annahme, dass Laufen in Botswana populärer sei als in Deutschland. Ist es nicht – und überhaupt sind viele Dinge rund ums Laufen ganz anders, wie ich anlässlich des Diacore Marathon in Gaborone, der Hauptstadt Botswanas, erlebt habe.

2 ½ Wochen Dienstreise ins südliche Afrika mitten in der Vorbereitung auf den Hamburg-Marathon. Wie soll man da das Trainingsprogram abspulen? Ganz einfach, zumindest unter mehreren Bedingungen. Frühaufsteher haben einen deutlich besseren Stand, denn ab 8 Uhr brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Trifft sich gut, denn um die Uhrzeit gehen sowieso die ersten Besprechungen los. Der Golfplatz neben dem Hotel eignet sich hervorragend für kürzere Läufe und Intervalltraining, wenn man bereit ist, über die Löcher im Rasen hinwegzusehen und sich auf die Socken macht, bevor die ersten Bälle fliegen.

Für den langen langsamen Sonntagslauf empfiehlt es sich, auf ortskundige Kollegen zählen zu können. Mitch und Hendrik bereiten sich auf den Two Oceans-Ultramarathon in Südafrika vor und nehmen den Gaborone-Marathon als Trainingslauf. Der Kollege aus Deutschland wird zum 35km-Trainingslauf herzlich willkommen geheißen. Freitag und Samstag ist bedeckt, die lokale Bevölkerung friert bei 22 Grad. Warum also am Sonntag im kalten Morgengrauen loslaufen?

Joachim Göske
Joachim Göske

Wir treffen uns um 8 Uhr, erster Blick gen Himmel: keine Wolken, dafür aber pralle Sonne. Und dann legen die jungen Leute auch noch richtig los. Von wegen gemütlich. Aus den 35 Kilometern werden 27. Hendrik ist so lieb und läuft schon mal voraus nach Hause, um das Bier kalt zu stellen, das wir dann im Pool trinken.

Nachdem auch an den darauffolgenden Tagen die Trainingszeiten nicht besser werden, bieten die lieben Kollegen Erklärungen an: „Vielleicht liegt es ja daran, dass wir hier auf weit über 1000 Meter sind?“ „Oder du bist die trockene Luft einfach nicht gewöhnt.“ Egal, entscheide ich, die anvisierten 1:40 sind nicht drin. Bevor ich mitten auf der Strecke einbreche und danach dem Hotelportier gegenüber in Rechtfertigungsnöte gerate, gehe ich es besser langsam an.

Dann kommt der große Tag des Rennens: etwas mehr als 2.200 Leute laufen den Marathon, den Halbmarathon und die 10 Kilometer. Der Start ist geplant für 6:30 Uhr. Nein, das ist kein Druckfehler und gemeint ist tatsächlich 6:30 am Morgen. Dummerweise ist das aber nicht die Startzeit für die Marathonis und den Halbmarathon, sondern für den Zehner. Ich verlasse kurz vor sechs gerade die Toilette im Startbereich, als die Durchsage kommt, dass es gleich losgeht. Wo zum Teufel lasse ich so schnell den Kleiderbeutel? Nichts wie los. Das Ding verschwindet gerade im Regal als schon die Zeit runtergezählt wird.

Ich mache mich zwei Minuten nach Startschuss als letzter Starter auf den Weg. Ist OK, denn ich will ja sowieso vorsichtig angehen. Aber wo ist eigentlich das Feld? Die paar Figuren können das doch nicht sein. Oder sind die tatsächlich alle so viel schneller als ich dachte? Nichts wie hinterher. Ich überhole die ersten schon nach ein paar Minuten. Ab Kilometer 5 beobachte ich die ersten Gehpausen, aber das Hauptfeld ist immer noch nicht in Sicht, nicht mal auf der ersten langen Gerade. An der Dunkelheit liegt das nicht, denn inzwischen ist es hell. Die ersten Autos tauchen auf den Straßen auf – und zwar direkt neben den Läufern, die immerhin eine Spur für sich haben. „Nna o Tsamae – Keep Running“, rufen sie mir zu. Was für ein freundlicher Menschenschlag!

Kilometer 12: immer noch kein Hauptfeld in Sicht, weiterhin nur vereinzelte Läufer, von denen die meisten aus dem letzten Loch pfeifen. „Nna o Tsamae“, denke ich im Vorbeilaufen. Inzwischen bin ich davon überzeugt, das Hauptfeld zu sein. Zuschauer sind auch keine da, die ich fragen könnte.

Kilometer 18: jetzt erreiche ich doch das Hauptfeld, oder ist das eine Demo? Vielleicht auch eine Prozession zur nächsten Kirche, da ja schließlich Sonntag ist? So viele Leute, die friedlich spazieren gehen. Der durchschnittliche Körperbau ist eher wenig athletisch. Urplötzlich wird mir anhand der Startnummern klar, dass es sich um den 10km-Lauf handelt. Doch wie komme ich da vorbei? Die komplette Spur ist blockiert: Die Leute im angeregten Gespräch zu unterbrechen, wäre ja eher unhöflich. Die andere Fahrbahn ist für Autos da, oder? „Nna o Tsame“, denke ich mir und laufe vor den Wagen her, sehr zu ehrlichen Freude der Sonntagsfahrer, die mich doch tatsächlich nach vorne peitschen. Sind die nur freundlich oder wollen die einfach nur durch? Egal, da sind noch ein paar Körner drin, die letzten Kilometer nochmal Gas geben.

Im Ziel zeigt meine Uhr 1:45 und ich bin sicher, damit auch in der 10-km-Wertung mindestens im hinteren Mittelfeld zu liegen. Als die Ergebnisse online sind, bestätige ich diese Annahme, meine 1:45 jedoch nicht. Kein Unterschied zwischen Brutto- und Nettozeit, die Minuten in der Kleiderbeutelabgabe sind in den offiziellen 1:47 enthalten. Egal, es reicht auch so zum 39. Platz von 157 männlichen Startern. Der Hotelportier lächelt noch viel breiter als sonst, als ich mit einem fröhlichen „Keep Running“ an ihm vorbei ins Hotel gehe.