Letzter Artikel 2012 von Christian Preußer zum Sportabzeichen

Eine Lektion im Scheitern

Der Weg zum Sportabzeichen ist lang – nicht jeder schafft ihn

150 Jahre ist der MTV alt, 150 Kinder, Frauen und Männer sollen aus diesem Anlass das Sportabzeichen erwerben. Das hatte auch TZ-Mitarbeiter Christian Preußer vor. . .    Von Christian Preußer

Andreas Preußer (stehend) hat gut lachen: Er ist dem Sportabzeichen sehr nahe, Christian Preußer der Verzweiflung. Foto: jr
Andreas Preußer (stehend) hat gut lachen: Er ist dem Sportabzeichen sehr nahe, Christian Preußer der Verzweiflung.
Foto: jr

Zugegeben: Das hatte ich mir damals anders vorgestellt, als ich im April damit begann, fürs Sportabzeichen zu trainieren. Im Überschwang der Gefühle bin ich mit meinen Freunden irrsinnige Wetten eingegangen, habe mir eine Dauerkarte fürs Schwimmbad gekauft und eine wetterfeste Thermo-Jacke fürs Joggen schenken lassen. Ich war mir sicher: Das bisschen Sportabzeichen bekommst du hin.

Das erste Training lief ganz gut: strecken, warmmachen, laufen. Ich aß ein paar Bananen und fühlte ich mich sportlich. Ich rief Uta Nagel vom MTV an und schilderte meinem Plan: „Ich werde eines der 150-Jubiläums-Sportabzeichen in diesem Jahr für den MTV erringen!“. Dem ersten Training auf den Schülerwiesen sehnte ich entgegen. Nach den langen und dunklen Jahren in der Uni-Bibliothek sollte ich nun endlich wieder Sport treiben und das auch noch regelmäßig.

Mein Bruder Andreas machte mit, kurzentschlossen. Auf dem Geburtstagsfest meiner Großmutter entschied er sich dazu, wenige Stunden später den 3000-Meter-Lauf auf dem Sportgelände des MTV zu absolvieren. Wir liefen zehn Runden um den Sportplatz, in einem Tempo, das mir die Schuhe auszog. 1000 Meter, 2000 Meter hätte ich laufen können, die 3000 Meter waren für mich zu diesem Zeitpunkt eine Nummer zu groß. Schwindelig und frustriert fiel ich hinter der Ziellinie auf die Knie. Ich hatte nur wenige Sekunden länger gebraucht, als es die Vorgabe verlangte. Isolde Conradi, Uta Nagel und mein Bruder klopften mir auf die Schulter: „Das klappt schon!“ Dachte ich auch.

Ein Schlüsselerlebnis: Demütig und mit gedämpftem Optimismus trainierte ich gemeinsam mit meinem Bruder. Wir schwammen im Freibad um die Wette, machten Liegestützen und liefen Runde um Runde um den nahe gelegenen Sportplatz. Mein Bruder hatte keine Mühen, locker nahm er die geforderten Marken. Ich arbeitete mich langsam an die erforderlichen Werte heran. Bald auch wieder gut gelaunt.

Mittlerweile war es Ende Juni und ich hatte verstanden, um was es hier gehen sollte. Plötzlich machte es mir Spaß, um 6 Uhr aufzustehen, die Sportschuhe zu schnüren und durch den Park zu laufen. Ich fühlte mich gut und frisch und stark, wenn ich um 7 Uhr unter der Dusche stand, gewappnet für den Tag. Ich hatte den Sport für mich entdeckt. Und meine Freundin machte mit. Freunde wollten sich mit mir zum Klettern verabreden, zum Laufen – plötzlich war in diesem Freundeskreis, der sich sonst in der Hauptsache am Freitagabend zum Weintrinken verabredete, ein Drang nach Bewegung zu spüren. Wir wanderten den Taunus, trafen uns im Schwimmbad und organisierten gemeinschaftliche Radtouren. Dieser Sommer wurde ein sportlicher Sommer.

Geschlagen, nicht besiegt

Doch holte mich die Realität schon bald wieder ein: Der Weitsprung stand beim MTV auf dem Programm. Zum ersten Mal nach rund acht Jahren stand ich vor der Sandgrube und wippte hin und her. Der erste Sprung war nichts, der zweite noch weniger und nach dem dritten Sprung hatte ich Schmerzen im Oberschenkel. Ganz anders mein Bruder, der ohne große Mühen weit über die geforderte Marke sprang. Es war soweit. Die letzte Chance für mich. Und ich blockierte. Der Abend war nicht schön, der Morgen noch weniger. Ich hatte versagt, war gescheitert, hatte kapitulieren müssen. Mein Bruder ist so gut wie durch.

Es waren vor allem Isolde Conradi und Uta Nagel, die mir immer wieder Mut zugesprochen haben und mir geholfen haben, den Spaß Sporttreiben wiederzuentdecken. Und das ist ja das wichtigste: Morgenfrüh klingelt wieder der Wecker, ich werde laufen. Nächstes Jahr, soviel ist sicher, greife ich wieder an.

Artikel vom 23. Oktober 2012, 20.51 Uhr (letzte Änderung 24. Oktober 2012, 04.05 Uhr)

Wir vom MTV Kronberg wünschen viel Erfolg im nächsten Jahr und bedanken uns für die schönen Artikel im Laufe des Jahres. (Bärbel Spathelf, Pressereferentin MTV Kronberg)