Der längste halbe Tag des Jahres – IM 70.3 Wiesbaden European Championship

IM 70.3 European Championship Wiesbaden

Nina Anna Kuhn und René Kipper starteten bei der Ironman 70.3 European Championship in Wiesbaden – hier sind ihre Rennberichte:

René:

Still ruht der See – Vorbereitungen am Tag zuvor

„Das zweite Mal stand für mich nach 2013 der 70.3 in Wiesbaden an. Dieser Wahnsinn. Dass allein die Distanzen schon nicht als kurz zu bezeichnen sind ist klar, aber dann noch eine wellige Laufstrecke und die Höhenmeter beim Radfahren. Fehlte nur noch eine Steigung beim Schwimmen. Aber die gab es ja dann auch noch beim Schwimmausstieg. Bei so vielen Höhenmetern musste ich einfach ein zweites Mal nach 2013 ran. Der Wahnsinn begann schon Freitag mit der Pasta Party, so dass das ganze Wochenende nur auf den 70.3 ausgerichtet war. Samstag die Wettkampfbesprechung im Kurhaus in Wiesbaden. In einem Saal, in dem normalerweise Bälle veranstaltet werden, dann gings weiter zur Radabgabe an den Raunheimer Waldsee. Die Spannung baute sich immer mehr auf. Nur bekloppte Leute – und ich bin dabei! Sonntagmorgen ging es dann endlich los. Das Rad fertig gemacht und durch 10min Hüpfübungen mit Nina am Schwimmstart unsere Fans auf uns aufmerksam gemacht für ein Erinnerungsfoto. Dann ging es mit dem „rolling Start“ ins Wasser. Man schwimmt zwar mit anderen in seiner Leistungsklasse, aber leider sind die auch über die ganze Strecke bei einem. Dagegen hat die Radstrecke richtig Spaß gemacht. Vor allem, weil es bis nach Wiesbaden eigentlich zum Warmfahren war. Danach ging es erst richtig in die Höhe. Aber dafür leben wir ja hier im Taunus. Für all die kleinen Anstiege. Das Radfahren war super. Nur der leichte Regen in Wiesbaden hat nicht in die Planung gepasst. Ansonsten konnte ich das Radfahren weitestgehend genießen. Der Wechsel in die Laufschuhe hat auch super geklappt, so dass ich mit sehr lockeren Beinen losgelaufen bin, leider nur die erste Runde. Danach bin ich nach eigenem Gefühl konstant langsam weitergeschlichen. Aber auch die vier Runden durch den Kurpark gingen leider zu schnell vorbei. Im Ziel kam man sich vor, wie gerade gestartet. Wie schnell doch so ein „längster halber Tag“ auch schon wieder rum sein kann. Zusammenfassend kann ich sagen: Schwimmen war gut, Radfahren war super, Laufen schlecht. Der Wettkampf hat einen riesen Spaß gemacht, mit der Zeit bin ich leider nicht zufrieden.“
 

Nina:

„Bereits im vergangenen Jahr hatte ich beschlossen, 2015 meine erste Mitteldistanz in Angriff zu nehmen. Um mich optimal darauf vorzubereiten verabschiedete ich mich schweren Herzens aus meiner kleinen Trainingsgruppe, mit der ich mich in den vergangenen zwei Jahren unter Anleitung von Profi-Triathletin Natascha Schmitt hatte trainieren und coachen lassen für unsere Liga-Wettkämpfe. Ich wollte einen maßgeschneiderten Trainingsplan, der genau auf meine Termine abgestimmt ist und fing daher Ende Oktober als Athletin bei Natascha an zu trainieren.

René auf Kurs

Die ersten drei Monate liefen super, die Trainingsergebnisse waren vielversprechend und ich total motiviert. Dann allerdings bekam ich einen ersten Dämpfer, als ich den Swim+Run Ende Januar in Darmstadt sehr angeschlagen beendete. Vier Wochen lang trainierte ich sehr holprig weiter, weil mich Knie- und Rückenprobleme plagten, Ende Februar hatte ich es dann geschafft: Diagnose Einriss des Innenmeniskus – na prima!

Wie gut, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, welcher Leidensweg auf mich zukommt… Eine Knieverletzung ist das, was man als Sportler am allerwenigsten braucht, aber auch im Alltag eine permanente Einschränkung. Dass das noch dazu mit vielen Schmerzen verbunden sein würde, war mir im Februar zum Glück nicht bewusst. Ich hatte ein 7wöchiges Laufverbot – aber ansonsten war gestattet, „was geht“ und ich dachte im Traum nicht daran, mich von meinem Plan abbringen zu lassen. Natascha strickte mir fast tagesaktuell meinen Trainingsplan, den wir immer auf den Zustand des Knies abstimmten. Ich nutzte die Zeit, um an meinem schlechten Schwimmen zu arbeiten und saß viel auf dem Rad. Wochenlang war ich an bis zu fünf Tagen die Woche im Schwimmbad, auch um die Aquajoggingeinheiten als Alternative zum Lauftraining zu absolvieren. Es machte nicht wirklich Spaß mit diesem Hüftgurt durchs Wasser, immer hin und her, aber ich sagte mir „Augen zu und durch – Du weißt ja, wofür es gut ist“. Welche Freude, als ich Ende April die ersten Laufschritte endlich wieder an der frischen Luft machen dürfte! Der Wiedereinstieg ins Laufen verlief erfreulicherweise gut, aber natürlich machten sich die Trainingsrückstände v.a. beim Tempotraining deutlich bemerkbar und wir mussten die Trainingsinhalte immer wieder anpassen an das, was mein Körper in der Lage war herzugeben.

Bereits im Februar war mir klar, dass ich meine Premiere auf der Mitteldistanz nicht wie geplant Anfang Juni im Kraichgau absolvieren würde. Da ich das Geld für den Startplatz längst bezahlt hatte schaute ich, welcher 70.3-Wettkampf eine Alternative zu einem späteren Zeitpunkt sein könnte und eigentlich kam nur Wiesbaden in Frage. Mir war bekannt, dass man in Wiesbaden definitiv nichts geschenkt bekommt – 1.500 Höhenmeter auf der Radstrecke und zur Belohnung nochmal 180 Höhenmeter auf dem Laufrundkurs durch den Kurpark. Aber ich hatte sowieso nichts zu verlieren und sagte mir, dass ich dann halt beim Laufen aussteige, wenn es nicht geht, die ersten beiden Disziplinen würde ich aber auf jeden Fall mitnehmen.

Bergauf – bergab

Im Gegensatz zu meinen sonstigen Trainingsgewohnheiten hatte ich in dieser Saison aufgrund des kaputten Knies und vieler anderer Verpflichtungen nur eine einzige Möglichkeit, einen Vorbereitungswettkampf zu absolvieren. Auf der Sprintdistanz beim Short Track in Griesheim im Juli galt es, das Material zu testen, wieder mal unter Wettkampfbedingungen zu wechseln, die Laufform zu checken und einmal rundherum in Wettkampfmodus zu kommen. Naja, ein sehr kurzer Wettkampf für so viele Tests, aber es lief bis aufs Schwimmen ganz OK und mein Knie meckerte nicht. Das allerdings war mir kein wirklicher Trost, denn ich wusste, dass ich in Wiesbaden 16km mehr zu laufen hatte…

Die Radstrecke in Wiesbaden war ich einmal mit dem Auto und zweimal mit dem Rad abgefahren und daher war klar, was da auf mich zukommt. Wie ich danach einen Halbmarathon würde laufen können war das große Fragezeichen. Mein letzter Halbmarathon war viele Jahre her und ich wusste, dass mir etliche Grundlagenkilometer aus dem Frühjahr fehlten, um das wirklich gut in Angriff nehmen zu können. Immerhin war mein Knie in allerletzter Minute so nett und gab mir die Zustimmung für mehr Belastung und wir brachten wenigstens noch zwei lange Dauerläufe unter, so dass ich mal wieder ansatzweise eine Vorstellung hatte wie es sich anfühlt, „ewig“ auf der Laufstrecke zu sein.

Der große Tag rückte immer näher und auch die Aufregung stieg. Spätestens am Tag vor dem Wettkampf während des einstündigen Racebriefings im Kurhaus Wiesbaden inmitten von Hunderten Athleten bekam ich eine Vorstellung, was da auf mich zukommt. Ich war sehr froh, dass René Kipper vom MTV zum zweiten Mal dabei war in Wiesbaden und wir die ganzen Erledigungen zusammen abspulten, er kannte sich aus und ich musste nur hinterher dackeln. Fast der ganze Samstag ging drauf für die Wettkampfvorbereitung und mir wurde plötzlich bewusst, morgen bewegst Du Dich ins nächste Level des Triathlons…

Geschafft!!!

Dann war es soweit: Raceday!!! Meine Vorbereitungszeit morgens vor dem Start war zu knapp, ich hätte früher da sein müssen. Alleine das ewige Anstehen an den wenigen Dixies kostete mich ewig viel Zeit, da hätte echt nichts dazwischen kommen dürfen… Uns war nicht klar, dass wir bereits vor dem Start der Profis hätten eingeschwommen sein müssen – aus Fehlern lernt man. Irgendwie gelang es uns wenigstens noch die Neos zu fluten, allerdings kamen wir aufgrund des Schlamms am Ufer fast nicht mehr aus dem See raus und mussten rausgezogen werden. Bis an die Oberschenkel waren René und ich mit dicker Lehmpaste eingeschmiert und sahen total doof aus, vor Lachen haben wir uns nicht mehr halten können – es blieb gar keine Zeit für irgendwelche Nervosität vor dem Start.

Mit dem neuen „rolling start“ ging’s ab auf die Schwimmstrecke. Das Fehlen des Massenstarts kam mir persönlich sehr entgegen, ich hatte sofort meinen Rhythmus und kam ordentlich voran – hatte aber irgendwie trotzdem das Gefühl, es dauerte ewig. Die relativ kleinen Bojen waren für mich schwierig, aufgrund meiner schlechten Sehstärke (trotz Kontaktlinsen) ist die Orientierung im Freiwasser für mich immer ein Thema, Markierungen können gar nicht groß genug und grell sein.

Als ich aus dem Wasser kam und 46min auf der Uhr sah, bin ich fast tot umgefallen. Dass dann in meinem Bereich in der Wechselzone noch total viele Beutel hingen, verwirrte mich noch viel mehr – wie konnte es sein, dass es so viele Leute gibt, die noch schlechter schwimmen?!? Die langsame Schwimmzeit beschäftigte mich sehr auf den ersten Radkilometern, ich konnte es einfach nicht verstehen, das Schwimmen war gefühlt super gelaufen, ich hatte mich echt angestrengt – wieso war ich so langsam? Und wieso waren noch so viele Andere so langsam?!?

Zu Beginn der Radstrecke bremste ich mich noch ein wenig, wollte die Kräfte gut einteilen. Außerdem gab es auf den ersten 20km sehr viele Gefahren, in eine Windschattensituation zu kommen und nach meinem Aufenthalt in der Penaltybox beim Short Track hatte ich sehr großen Respekt vor einer 5minütigen Zeitstrafe. Anders als fast alle anderen Athleten in diesen Streckenabschnitten entschied ich mich fürs Zurückfallenlassen und nahm die Zeitverluste in Kauf. Zuerst hatte ich versucht, größere Blöcke zu überholen, die meisten Männer fühlten sich jedoch animiert, das Tempo kräftig anzuziehen und ich hatte keine Lust, mich, wie unser Lauftrainer Jens so schön gesagt hatte „schon auf den ersten 30km vor dem Anstieg zur Platte abzuschießen“.

Der kurzzeitig einsetzende Regen und die nasse Fahrbahn führten an einigen Stellen zu zahlreichen Stürzen, ich selbst hatte Glück und musste nur in der Abfahrt in Wiesbaden zum Einstieg in die Bergwertung in mehreren Kurven das Tempo rausnehmen. Die Bergwertung selbst an einem 10%-Anstieg fuhr ich nicht am Anschlag, ich wollte keine unnötigen Körner verschießen. Als ich am Aufstieg zur 500m hoch gelegenen Platte ca. 20 Athleten eingesammelt hatte, die wie aufgereiht an einer Perlenkette rechts fuhren, wurde ich mutiger und nahm den fight mit einer Athletin meiner Altersklasse auf – den ich nach 50km Hin und Her auf dem Rad beim Laufen mit 6min für mich entscheiden konnte.

Ich merkte, wie das Athletenfeld im zweiten Teil der Radstrecke sehr viel mehr zu kämpfen hatte als ich und dachte, OK, bis hierher hast Du es schon mal richtig gemacht, es läuft! Zwischendurch hatte ich ein beunruhigendes Geräusch an meinem Rad, was mich Zeit kostete, weil ich zweimal stehen blieb, um zu checken, was es sein könnte. Dann plötzlich war das Geräusch wieder weg – zum Glück! Die Verpflegung klappte genauso, wie ich es im Vorfeld mit Natascha durchgesprochen hatte und bis zur Abfahrt von der Platte waren alle Gels intus, außerdem hatte ich drei Flaschen getrunken – ich denke, mit eine Grundlage, dass es mir später so gut ging.

Im halsbrecherischem Tempo ging‘s die Platte runter und schwupps war ich in der Wechselzone, mein Rad wurde mir abgenommen, rein in die Laufschuhe und ich rannte los, als ob nichts gewesen wäre. Gleich am Anfang der Laufstrecke stand schon Jens, unser Lauftrainer, und feuerte mich an – ich war so happy, dass ich ohne Probleme loslaufen konnte!

Medaillen gesichert!

Auf der Laufstrecke war es von Anfang an ein bisschen wie im falschen Film… Ich, die wochenlang mit einer Knieverletzung Probleme hatte, lief einfach so, an vielen vorbei, die sich quälten ohne Ende. Von meinem Fanclub bekam ich sehr viel erstaunte Gesichter zu sehen, sie riefen „Du siehst super aus“, „Du siehst fit aus“ – und so fühlte ich mich auch! Ich hatte mir für die Laufstrecke eine Strategie überlegt, wollte mich bei inzwischen 33°C Außentemperatur unbedingt runterkühlen, so wie ich es bei Daniela Ryf beim IM Frankfurt gesehen hatte. Und bei Frodo hatte ich auch gesehen, dass er sich Zeit nimmt für die Versorgung, da dachte ich mir, wenn Du hier gut durchkommen willst, musst Du Dir auch die Zeit nehmen – wenn nicht siehst Du spätestens nach 10km aus wie die Anderen hier!

Also habe ich an den Verpflegungsstationen alle 2,5km einen Becher Wasser getrunken, einen über den Kopf geschüttet, dann im Gehen zwei Becher Iso getrunken und zum Abschluss Eis vorne und hinten ins Bustier, so dass ich komplett Eisgekühlt gelaufen bin und mir die Wärme fast gar nichts ausgemacht hat. Mit all diesen kurzen Stopps und einmal Dixi incl. Wartezeit (René hatte mir doch tatsächlich die freie Box vor der Nase weggeschnappt!) war ich mit der Laufzeit durchaus zufrieden 🙂

Die Kilometer vergingen wie im Flug und je länger es dauerte wurden es v.a. am Anstieg nach Sonnenberg immer mehr Wandergruppen – an denen ich vorbei lief – ein Wahnsinnsgefühl! Die super Stimmung durch die Zuschauer rund um das Kurhaus tat ihr Übriges dazu, Hängenlassen konnte man sich hier nicht. Ich war so happy, als ich nach 6h36min aufs Ziel zulief und meine Familie mir zuwinkte, sie waren alle ganz schön stolz auf mich, das konnte ich durch die Zuschauermassen erkennen!

Eine Mitteldistanz-Premiere bei der EM in Wiesbaden ist schon ein bisschen verrückt, noch dazu wenn man eine Disziplin nicht richtig trainieren konnte. Vielleicht hat mich das aber auch locker gemacht beim Laufen, ich hatte keine Zeiten im Kopf und daher keinen Druck, habe einfach rausgeholt was ging und in meinen Körper reingehört. Mein größter Sieg war an diesem Tag, dass ich ein Rennen erleben durfte ohne Leiden. Mir ging es durchweg gut und ich merkte, dass ich auf den Punkt optimal vorbereitet worden war von Natascha, die bereits knapp zwei Stunden vor mir ins Ziel kam und 4. Frau bei den Profis wurde. Ich kam auf Platz 14 in der W40 – von 24 Frauen in meiner Altersklasse, so schlecht finde ich das nicht für das erste Mal auf dieser Distanz.

Apropos, das Rätsel mit dem Schwimmen löste sich später auch noch, neben meinem Zickzackkurs war außerdem die Strecke um einige Hundert Meter zu lang gewesen, somit war ich doch etwas beruhigt, dass ich doch nicht soooo schlecht geschwommen war :-).“

IM 70.3 European Championship Wiesbaden (1,9-90-21,1)

NameZeitAKPlatz
433René Kipper05:35:15 (00:41:08/00:04:27/03:04:36/00:02:01/01:43:03) M2550
107Nina Anna Kuhn06:36:52 (00:46:08/00:04:23/03:43:47/00:02:26/02:00:08) W4014